Stiller Protest oder energiewirtschaftliches Kalkül? «Freiwillige» Umsiedlungen im schweizerischen Alpenraum aufgrund von Stauseeprojekten nach 1950

Die Schweiz der Nachkriegszeit war angetrieben von einem Energiehunger, der mit einem geplanten Totalausbau der Wasserkraft gestillt werden sollte. Staumauern waren zwar bereits vor dem Ersten Weltkrieg in zahlreichen Bergtälern hochgezogen worden, da sich das kohlearme Land dadurch eine weitgehend autarke sowie leistungsstarke Stromversorgung erhoffte. Das nach 1945 losgelöste Wirtschaftswachstum verlangte aber nach einem weiteren Ausbau der Energiereserven. Zwischen 1950 und 1969 wurden dadurch 91 Stauseen errichtet. Diese generierten nicht nur Einnahmen und eine sichere Stromzufuhr in allen Jahreszeiten, sondern fluteten auch alpine Dörfer, Anbauland und Weideflächen. Wie sich die vom Untergang betroffenen Gemeinden unterschiedlich erfolgreich gegen die Aufgabe ihres Eigentums wehrten, wurde bereits in mehreren Fallstudien aufgezeigt: Beispielsweise beim Wägitalersee (1924), beim Shilsee (1937), bei Marmorera (1954) oder im Urserental (1954). Kaum bekannt ist hingegen, weshalb manche Dorfgemeinschaften scheinbar freiwillig oder zumindest ohne öffentlichen Protest beschlossen, das Konzessionsgesuch eines Energieunternehmens anzunehmen und ihre Grundstücke aufzugeben, wie dies etwa beim Zervreilasee (1957), beim Lago di Vogorno (1965) oder schliesslich beim Lac d’Emosson (1972) geschehen ist. Das Referat fragt danach, welche Anreize und Machtverhältnisse innerhalb und ausserhalb solcher Gemeinden dazu führten, dass deren Bewohner auf den Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen verzichteten, um dafür auf das energiewirtschaftliche Entwicklungspotential eines Stausees zu setzen.

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