Den menschgemachten Klimawandel denken: Zur Rezeption Strabons in der Neuzeit

Dieses Paper problematisiert Descolas Diagnose eines modernen Naturalismus mit dem Verweis auf die regen Diskussionen, die in der frühen Neuzeit zu den Interdependenzen von Klima und Kultur geführt wurden. Grundsätzlich dominierte seit der Antike der Gedanke des kulturellen Determinismus den klimatologischen Diskurs. Dabei standen, stark vereinfacht, tumbe-aber-beständige Bergler innovativen-aber-intriganten Südländern gegenüber. Diese Auslegeordnung wurde aber immer wieder von empirischen Beobachtungen herausgefordert. Der im Westen im 15. Jahrhundert neu entdeckte griechische Geograph Strabon (1. Jh. n. Chr.) spielte dabei eine Schüsselrolle. In seinem umfangreichen Werk zur Geographie des Mittelmeers leitet Strabon die Eigenheiten verschiedener, spezifischer Kulturen aus ihrer geschichtlichen Entwicklung her. Die Lektüre Strabons in der frühen Neuzeit inspirierte – und wohl nicht ganz zufällig besonders auch in unwirtlichen Gegenden – dazu, die natürliche Gegebenheit des Klimas in Frage zu stellen. So war etwa Strabon ein wichtiger Gewährsmann für Aegidius Tschudi in seiner moralischen Aufwertung montaner Kultur. Strabons Hinweis auf die Verschiedenheit mediterraner Kulturen bei grundsätzlich gleichen äusseren Bedingungen diente David Hume als Argument gegen Montesquieus Klimatheorie, während Isaak Iselin gar postulierte, dass Kulturen sich ihr Klima selbst schüfen. Noch in jüngster Zeit inspirierte Strabon eine Kritik durch Peregrine Horden und Nicholas Purcell an Fernand Braudels monistischer Auffassung der Méditerranée und ihres Klimas.

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