«Wohin führt der Entwicklungsvorgang die gesunden Kinder und Jugendlichen? Zur Reife.» Das kinderpsychiatrische Entwicklungsparadigma beim Zürcher Kinderpsychiater Jakob Lutz

Die Idee einer zielgerichteten, «natürlichen» Entwicklung ist neben Disziplinen wie Pädagogik oder Sozialarbeit auch für die Kinderpsychiatrie paradigmatisch. Einem an Sigmund Freuds Phasenmodell orientierten Entwicklungskonzept, wie es Jakob Lutz vertrat, der die Zürcher Kinderpsychiatrie von 1929 an während fast vier Jahrzehnten leitete, lag die Annahme einer natürlichen oder «normalen» Entwicklung bei «gesunden» Kindern zugrunde. Diese beginne mit einer zunächst «animalischen Natur» und führe über mehrere Phasen beziehungsweise Stufen schliesslich im frühen Erwachsenenalter zur «Reife» und zur «Entfaltung des Persönlichkeitskerns». Entscheidend für das Gelingen dieser «Reifung» sei neben dem Kind selbst nicht zuletzt «die Persönlichkeit der Mutter», die das Kind das Menschsein «im höheren Sinne» zu lehren habe, wie sich Lutz ausdrückt. Die in der Kinderpsychiatrie diagnostizierten Störungen lassen sich nach dieser Lesart trotz aller ätiologischen und pathogenetischen Unterschiede auf den gemeinsamen Nenner einer «fehlgeleiteten», «gestörten» oder gar «stehen gebliebenen» psychischen Entwicklung des Kindes bringen. Das Entwicklungsparadigma determinierte also das kinderpsychiatrische Denken und strukturierte es als «Prä-» resp. «Uridee» vor. Anhand Lutz’ Publikationen möchte ich aufzeigen, welche Formen von Entwicklungsstörungen bzw. Normabweichungen auf dem Weg zur «Reife» unterschieden und welche Folgen daraus abgeleitet wurden.

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