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Die ambivalente Naturvorstellung esoterischer Strömungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Zeitschrift Die weisse Fahne

Seit ihrer Entstehung hatte die Lebensreformbewegung einen spirituellen Flügel, der vor allem von theosophischen Strömungen und Lehren der Geistheilung gespeist wurde. Die ideengeschichtlichen Grundlagen bildeten hierbei die spirituelle Deutung der Evolutionstheorie, sowie ein monistisches Weltbild. Natur spaltete sich dabei in zwei Realitätsebenen, eine sichtbare materielle Natur, die sich schrittweise zum Geistigen wandelte, und in ein unveränderliches geistiges Naturgesetz. Der Geist wurde über die als Illusion verstandene Materie gestellt, was zu einem ambivalenten Verhältnis zur materiellen Natur führte. Dies zeigte sich insbesondere in der Einstellung gegenüber Themen der Medizin, Landwirtschaft und Ernährung.

Beispielhaft hierfür diskutiert das Referat Ausgaben der Zeitschrift Die weisse Fahne. Spezial-Organ für moderne Lebens- und Heil-Reform aus den 1930er Jahren. Die weisse Fahne war eine Publikation des Prana-Reformhauses in Pfullingen, das sich der aus den USA stammenden Neugeistbewegung zurechnete, die spätestens seit den 1940er Jahren aufgrund ihrer zunehmenden Ausrichtung auf materiellen Erfolg als «Cult of Success» bekannt war. Die ebenfalls stark kommerziell geprägte Weisse Fahne vereinte unter ihrem ambivalenten Naturverständnis nationalistische Texte, in denen deutlich die Blut-und-Boden-Ideologie anklingt, mit Rufen nach einer geeinten Weltgemeinschaft, wobei die Artikel inhaltlich vom Zusammenhang von Gesundheit und Ernährung und die biologische Düngung, über Yoga und das «Wassermannzeitalter» bis zum Heiligen Gral reichten. Das Referat beleuchtet dieses vom Naturbegriff aufgespannte Spannungsfeld zwischen Internationalismus und Nationalismus, Naturwissenschaft und Religion, Kommerzialisierung und Industrialisierungskritik, in dem sich esoterische Vereine vor dem zweiten Weltkrieg befanden.

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