Reiche Juden? Reiche Schweiz?

Der angebliche Reichtum der Juden ist ein weit in die Geschichte zurückgehendes Konstrukt, das immer wieder als Vorwand diente, um einschränkende Massnahmen gegen Juden zu begründen.

Niederlassungsverbote für Juden in der Schweiz wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts offiziell als Schutzmassnahme vor ‘Schacher und Wucher’ legitimiert. Praktisch spielten das Fernhalten von armen Juden („Betteljuden“) aus dem In- und Ausland sowie wirtschaftliche Konkurrenzangst die Hauptrolle. Imaginierter jüdischer Reichtum stand faktischer jüdischer Armut gegenüber.

Die Eidgenössische Fremdenpolizei, die sich 1917 konstituierte, verschrieb sich dem Kampf gegen die „Überfremdung“ wobei die neu geschaffene Kategorie der „unerwünschten Ausländer“ nicht nur „Bolschewisten“, „Straftäter“ und „Mittellose“, sondern auch „Schieber“, „Schnorrer“ und „Wucherer“ umfasste. Die abwehrende Politik der Eidgenössischen Fremdenpolizei richtete sich überdurchschnittlich oft gegen jüdische Migranten aus Osteuropa.

Diese Haltung der Eidgenössischen Fremdenpolizei gegenüber jüdischen Flüchtlingen setzte sich auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland fort und stand im Widerspruch zum positiven (Selbst-)bild einer Schweiz mit einer weit zurückreichenden humanitären Tradition, die politisch und religiös Verfolgten als sicherer Hafen galt. Um den Reichtum der Schweiz ranken viele Mythen. So hält sich auch hartnäckig die Vorstellung, dass die Schweiz um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert das „Armenhaus Europas“ war.

Viele jüdische Flüchtlinge, denen während des Zweiten Weltkriegs die Flucht in die Schweiz gelang, hatten die klassischen Bilder der kriegsverschonten und humanitären Schweiz verinnerlicht. Die Prämisse, für Flüchtlinge möglichst wenig Geld auszugeben und sie für ihren eigenen Unterhalt selbst aufkommen zu lassen, stiess vor diesem Hintergrund auf Unverständnis und Ablehnung. Ein Beispiel dafür ist die Kontrolle der Geldwerte der Flüchtlinge in Gelddepots der schweizerischen Volksbank, von wo aus ihnen ein Taschengeld ausbezahlt wurde. Diese Treuhandstelle wurde von den Flüchtlingen oft nicht als solche akzeptiert, zahlte sie doch keine Zinsen aus, nahm aber für jede Transaktion Gebühren. Neben diesem konkreten Umgang mit Geld und Wertsachen der Flüchtlinge führte die Haltung, die ihnen von Behördenseiten entgegengebracht wurde ebenfalls zu Unverständnis.

Reiche Juden? Reiche Schweiz? In diesem Panel sollen die Verstrickungen der Jüdischen Geschichte der Schweiz, in der es oft genug um Vorannahmen, Vorurteile sowie Auseinandersetzung um Geld und Wohlstand ging, dargelegt werden. Aber auch über die Vorurteile hinaus spielt Reichtum eine Rolle, etwa in der Verbürgerlichung der Juden, die der schweizerischen bürgerlichen Trias von Religion, Wirtschaft und Armee nachstrebten und so zum Reichtum der Schweiz – als Juden und Schweizer - beigetragen haben.

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