Umweltwissen – transepochal

Wie schreibt man eine transepochale Geschichte des Umweltwissens? Zur Beantwortung dieser Frage nimmt das Panel ein heute grösstenteils vergessenes Projekt aus der deutschsprachigen Wissenschaftsforschung der 1980er Jahre zum Ausgangspunkt und erprobt die Möglichkeiten einer Reaktivierung im Kontext der Anthropozändebatte: die Gruppe «soziale Naturwissenschaft» rund um den Technikphilosophen Gernot Böhme und den Biologen Engelbert Schramm. Die «soziale Naturwissenschaft» kann retrospektiv als ein Versuch verstanden werden, eine interdisziplinäre Wissenschafts- und Technikforschung aus dem Geiste der Umweltbewegung heraus zu etablieren. Ausgangspunkt der Gruppe, die an der Technischen Hochschule Darmstadt angesiedelt war und aus Forscher*innen aus dem Bereich der Ökologie, Geowissenschaften, Evolutionstheorie, Naturgeschichte, Naturphilosophie sowie aus Umweltaktivist*innen bestand, bildete eine theoretische Diskussion über eine politische Kritik des naturwissenschaftlichen-technischen Reduktionismus’ sowie eine transdisziplinäre Verständigung über die möglichen Grundsätze einer neuen Naturpolitik. Zentrale Untersuchungsgegenstände waren Orte, an denen sich die Konflikte zwischen Umweltbewegung, Politik und Industrie verdichteten, etwa ein Wasserwerk in Ägypten oder das sogenannte Hessische Ried, ein südöstlich von Frankfurt a. M. gelegenes Feuchtgebiet, an dem sich Ende der 70er Jahre eine öffentliche Diskussion über übermässige Wasserentnahme entzündete. Für die Mitglieder der Gruppe waren diese Orte Freiluftlaboratorien, um Natur nicht von den natürlichen Kreisläufen her, sondern aus der Dynamik sozialer Prozesse und menschlicher Eingriffe heraus zu studieren.

Die Forschungsaktivitäten und Gruppendiskussionen fanden auch Eingang in die Lehre, so etwa in die Konzeption fachübergreifender Curricula an der TH Darmstadt sowie in Seminare und Kolloquien. Eine Publikation, die aus dem Projektseminar «Wasser in Wissenschaft und Gesellschaft» (WS 1982/83) hervorging – die «Wasserzeitung» (1983) – bildet den Ausgangspunkt für die Panel-Vorträge an den Schweizerischen Geschichtstagen. In der Wasserzeitung werden unterschiedliche Facetten eines transepochalen Zugangs zum Umweltwissen deutlich: die Rolle der sozialen Bewegungen, die verschiedenen Ontologien von Umwelt und Natur, der Zusammenhang von Infrastrukturen und ökologischem Wissen, die Verbindung von Umwelt- und Wissenschaftsgeschichte, die Berücksichtigung aktueller naturwissenschaftlicher Forschung sowie eine spezifische publizistische Praxis. Das Projekt einer «sozialen Naturwissenschaft», so die These des Panels, ist nicht nur ideen- und methodengeschichtlich von Interesse, sondern kann unter dem Eindruck des «Anthropozäns» neue Impulse dafür geben, die Geschichte von Umwelt und Wissen neu zu denken – transepochal, transregional, transdisziplinär.

Im eingereichten Panel werden zwei Beiträge gesetzt (Tina Asmussen; Nils Güttler) und einer offen ausgeschrieben. Da das Panel verlangt, dass die Sprecher*innen auf eine spezifische Publikation der Gruppe «soziale Naturwissenschaft» Bezug nehmen – die sogenannte «Wasserzeitung» (1982) – wird im Call for Papers ein Link zu einem Scan bereitgestellt, sodass sich die Bewerber*innen ein Bild von der Publikation machen können.

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