Der Preis des Wohlstands. Kritik an der Normalarbeit im "Wirtschaftswunder" (1950-1973)

Die Koppelung von Arbeit und Wohlstand ist relativ jung. Bis weit ins 20. Jahrhundert befreite Arbeit häufig nicht von Armut. Erst in den 1930er Jahren nahm in den westlichen Industrieländern ein sozialpartnerschaftlich-sozialstaatliches Arrangement Gestalt an, das einen moderaten Ausgleich der gröbsten Einkommensunterschiede bewirkte. In den „trente glorieuses“ – der relativ kurzen Prosperitätskonstellation zwischen 1945 bis 1975 – schien sich das meritokratische Ideal von der wohlstandsschaffenden Arbeit im Globalen Norden dann tatsächlich zu verwirklichen – wenn auch nicht für alle. Wie eine global- und geschlechterhistorische Perspektive zeigt, war der Gleichklang von Arbeit und Wohlstand vor allem für inländische männliche Facharbeiter eine Realität. Mit der Deindustrialisierung und Finanzialisierung der 1990er Jahre ist auch der relative Wohlstand dieser Schicht ins Wanken geraten. Die verhältnismässig kurze Zeit, in der das westliche Modell des „Normalarbeitsverhältnisses“ als universelle Norm gelten konnte, ist vorüber. Im Globalen Norden werden heute genau jene Arbeitsverhältnisse (wieder) normal, die zuvor als „vormodern“, „anormal“ oder „atypisch“ galten.

Normalarbeit stellt somit zeitlich und räumlich gesehen ein äusserst exklusives Phänomen dar. Heute wird vor allem die „Erosion“ der Normalarbeit beklagt und deren Rückgang als Verlust wahrgenommen. Dabei geht vergessen, dass Normalarbeitsverhältnisse aus unterschiedlicher Perspektive bereits während des „Wirtschaftswunders“ – der Hochphase der Normalarbeit – vielfältige Kritik erfuhren. Dazu gehört der liberale Diskurs über die „Vermassung“ in der Fabrik ebenso wie die feministische Kritik an der Abwertung der Hausarbeit im Fordismus, die Kritik der gewerkschaftlichen Basis am Produktivitätspakt ihrer Kader mit den Arbeitgeberverbänden oder die zivilgesellschaftliche Kritik an den schlechten Arbeitsbedingungen von migrantischen Arbeitskräften. Sowohl in der kollektiven Erinnerung als auch in der Historiographie sind diese gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Konflikte um Normalarbeit während der „trente glorieuses“ kaum präsent.

An diesem Punkt setzt unser Panel an. Es lädt zu Beiträgen ein, die sich mit den verschiedenen Formen von Kritik auseinandersetzen, welche die Normalarbeit bereits in der Zeit der Hochkonjunktur hervorgerufen hat. Wir sind der Auffassung, dass es für die rezenten Debatten über die Zukunft der Arbeit produktiv ist, den gegenwärtig beklagten Niedergang der Normalarbeit in einen Dialog zu bringen mit der Kritik, die an ebendieser sozialen Organisationsform von Arbeit schon in den 1950er und 1960er Jahren laut wurde.

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