Deutung und Veränderung von Arbeit durch Frauen im 20. Jahrhundert

Arbeit und Geschlecht sind beides grundlegende und sich gegenseitig konstituierende Elemente des Ordnens gesellschaftlicher Verhältnisse. Soziale und politische Aushandlungen darüber, welche Tätigkeiten als Arbeit gesellschaftlich akzeptiert, entlöhnt und gesetzlich reguliert werden sind eng verbunden mit Geschlechterverhältnissen und der sozialen Zuordnung von Männern und Frauen auf bestimmte Tätigkeitsfelder.

Bis in die Gegenwart als besonders wirkungsmächtig erweist sich dafür die im 19. und 20. Jahrhundert im Kontext der Auflösung der haus- und familienwirtschaftlichen Einheit vorgenommene ideologische Trennung zwischen einer vermeintlich „öffentlichen“ Sphäre von „männlicher“ Erwerbs- und Berufsarbeit und einer vermeintlichen „privaten“ Sphäre „weiblicher Hingabe“ in Haushalt, Familie, Fürsorge und Sexualität. Die damit einhergehende Verengung des Arbeitsbegriffs auf vorwiegend von Männern geleistete Lohnarbeit in Industrie und Verwaltung hatte zur Folge, dass erwerbende und nicht erwerbende Tätigkeiten, die ausserhalb dieses Wahrnehmungsmusters lagen, in gesellschaftlicher, politischer und rechtlicher Hinsicht als Nicht-Arbeit gedeutet, abgewertet und stigmatisiert wurden. Gleichzeitig waren Deutungen darüber, was legitime und bezahlte Arbeit ist beziehungsweise sein soll, nie abgeschlossen, sondern Gegenstand ständiger sozialer und politischer Aushandlungsprozesse. Die arbeitenden Frauen, die sich in diese Debatten einmischten und unterschiedliche Formen von Arbeit und Arbeitsbedingungen anstrebten und für sich reklamierten, wurden sowohl in zeitgenössischen Betrachtungen wie auch in historischen Untersuchungen allerdings kaum beachtet.

Dieses Panel hat zum Ziel, Perspektiven von arbeitenden Frauen auf Arbeit zu untersuchen und sichtbar zu machen. In den Blick genommen werden vielfältige Arbeitsbereiche von Frauen, die regulierte Anstellungsverhältnisse, hauswirtschaftliches Arbeiten ebenso wie Formen sexueller Arbeit umfassen. Von besonderem Interesse ist dabei die Frage, inwiefern sich über die Kritik von Frauen an ungleichen Wertigkeiten von Arbeitssphären Konzepte und Praktiken von Arbeit veränderten und inwiefern dadurch auch eine Neudeutung von gesellschaftlich zentralen und wertvollen Ressourcen wie Zeit, Bildung, Intimität, Autonomie etc. einherging: Welche Perspektiven artikulierten arbeitende Frauen auf die von ihnen ausgeübten Tätigkeiten? Welche Deutungen und Differenzierungen setzten sie anderen Konzeptualisierungen von Arbeit entgegen? Und auf welche Weise trugen sie dadurch zu einer Veränderung des Arbeitsbegriffs und der Arbeit selbst bei?

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