Zur Kritik der digitalen Ökonomie

»Die Bedigung des Kapitals ist die Lohnarbeit.« Ausgehend von dieser Prämisse entwickelte Marx im 19. Jh. seine Mehrwerttheorie und darauf fussend die bekannteste Fundamentalkritik des kapitalistischen Systems. Als Grund für das Ausbleiben des im historischen Materialismus präsupponierten Zusammenbruchs des Kapitalismus wird oft angeführt, dass Mehrwert eben nicht nur durch menschliche Arbeit generiert werden könne. Immer häufiger wird selbiger heute von autonom ablaufenden Programmcodes und durch (Re-)Kombination von Daten gewonnen. War bis ins späte 20. Jh. der industrielle Fortschritt durch Effizienzsteigerungen im physischen Fabrikationsprozess gekennzeichnet, so dominieren im 21. Jh. unter den hinsichtlich Equity Value höchstbewerteten Unternehmen jene, bei denen materiell greifbare Produktionsmittel sekundär geworden sind. Quelle des Reichtums scheinen im Zeitalter der Digitalisierung Datenmengen zu sein sowie die Algorithmen, welche selbige auswerten. Wiewohl Marx’ Prophetien heute kaum mehr ernsthaft vertreten werden, bleiben andere Aspekte seiner Wirtschafts- und Sozialanalyse spannend und aktuell. So war Marx beispielsweise durchaus bewusst, dass Kapital kein Ding an sich ist, sondern dass es vielmehr als eine soziale Relation zwischen Klassen anzusehen ist, die durch die Welt der Dinge mediatisiert und in asymmetrischen Besitzverhältnissen reproduziert wird. Während damals der numerisch dominanten Arbeiterschaft die politisch-wirtschaftliche Macht und die Selbstentfaltung genommen wurde, indem eine geringe Zahl an Besitzbürgern deren Arbeitskraft viel zu billig für ihre Zwecke zu instrumentalisieren vermochte, aggregieren heute einige wenige Konzerne kostenlos und massenhaft persönliche Daten, die eigentlich dem Individuum gehören. Das Grundproblem ist also, ähnlich wie die soziale Frage im 19. Jh., hinreichend bekannt, die Möglichkeiten zur Remedur hingegen sind umstritten. Ebenso paralysiert wie abhängig gemacht sieht die Masse der Bevölkerung zu, wie der privilegierte Zugang zu Datenmengen als mächtigste Ressource der Gegenwart die Basis für künftige asymmetrische Reichtumsverhältnisse legt.

Im Rahmen des Panels sollen die angesprochenen Prozesse historisierend hinterleuchtet sowie prospektiv hinsichtlich ihrer Konsequenzen für Individuum und Gesellschaft analysiert werden. Welche Folgen werden Datamining oder errechnete Voraussagen des Userverhaltens auf uns alle haben? Wie gefährlich ist es für den sozialen Frieden, wenn Grossfirmen auf Basis von Algorithmen in sozialdisziplinierender Weise bestimmtes Verhalten honorieren oder stigmatisieren? Bedroht die künstliche Intelligenz ganze Berufszweige und führt dies zu neuen Formen der Arbeitslosigkeit? Bewirkt die Digitalisierung eine Selbstentfremdung des Menschen, ähnlich wie die Fabrikarbeit im 19. Jh.? Braucht es gar eine wie auch immer geartete Revolution, um die Freiheit des Einzelnen als Voraussetzung für eine freie Gesellschaft zu bewahren? Oder sind das nur Drohkulissen, die sich wie das marxistische Schreckgespenst eines Zusammenbruchs des Kapitalismus irgendwann in Luft auflösen werden?

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