Genussmittel oder Droge? ‚Rauschmittel‘ in globalen Debatten und lokalen Wahrnehmungen, 1860-1960er Jahre
Über Debatten zum Umgang mit verschiedensten psychoaktiven Substanzen kann man verschiedenste Konfigurationen von Gesellschaftsvorstellungen, Menschen-bildern und Wertmaßstäben nachverfolgen und eine Reihe wichtiger sozialer und kultureller Transformationsprozesse aufzeigen. Psychoaktive Substanzen lassen sich als identitätsstiftende Genussmittel, als Medizin oder aber auch als gesellschaftsfeindliche, „fremde“ Rausch- und Suchtmittel interpretieren.
Das vorgesehene Panel nimmt den Zeitraum ab der zweiten Hälfte des 19. Jahr-hunderts in den Blick, als der auf dem Sucht-Paradigma aufbauende Medikalisierungs- und Professionalisierungsdiskurs zunehmend hegemonialen Charakter gewann und sich internationale zivilgesellschaftliche Netzwerke ausbildeten, die den Rauschmittelkonsum verstärkt aus einer internationalen Perspektive problematisierten.
Einerseits soll das Aufkommen dieser transnationalen Netzwerke, Organisationen und Diskurse im Kontext der (Vor-) Geschichte der Bemühungen um global governance diskutiert werden, andererseits geht es aber auch um die lokalen Auswirkungen dieser aufkommenden Gesellschaftsvisionen auf das Alltagsleben von historischen Akteuren in verschiedenen, kulturell distinkten Schauplätzen. Dabei sollen die in den verschiedensten Anti-Alkohol- bzw. Anti-Drogen-Kampagnen verwendeten Rhetoriken von „Freiheit“, „Verantwortung“ oder „Natürlichkeit“ genauso hinterfragt und historisiert werden wie die Frage des Verhältnisses von Mehrheiten zu Minderheiten, die in vielen dieser Diskurse eine wichtige Rolle spielte. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Kulturrelativismus-Debatten ist es interessant zu untersuchen, welche Akteure mit welchen Strategien erfolgreich eine Deutungshoheit über die Bewertung verschiedenster Konsumgewohnheiten beanspruchten.



